Konfliktverhalten, Klischees und was hat das Gehirn damit zu tun.
Sind Männer und Frauen wirklich so anders?

Einige von uns erinnern sich vielleicht noch an den überspitzt dargestellten Konflikt zwischen Oliver und Barbara Rose, gespielt von Michael Douglas  und Kathleen Turner in dem Filmklassiker „Rosenkrieg“. Hier erzählt der Anwalt Gavin D’Amato einem Mandanten die Geschichte einer tragisch verlaufenden Scheidung, um ein mögliches Drama zu vermeiden. Angefangen mit kleinen Missverständnissen eskaliert der Streit der beiden Parteien bis zum Todeskampf. Und selbst in diesem scheint die Versöhnung nicht mehr möglich. Zugegeben solche Szenen spielen sich selten im Arbeitsalltag ab. Doch Konflikte, Machtspiele und Missverständnisse begegnen uns allen täglich. Heute möchte ich mit Ihnen in die spannende Welt der Emotionen eintauchen, die als Auslöser von Konflikten die Produktivität in Unternehmen erheblich mindern. Streit kostet Zeit, Energie und somit Geld. Gibt es eine Chance, um Missverständnisse zwischen Männern und Frauen überhaupt zu klären?

Wir kommen doch von der Venus und ihr vom Mars.

Die Wissenschaft beantwortet die Frage mit einem klarem „Jein“.

Lassen Sie uns zum Beginn dem chinesischem Sprichwort: „Solange du dem anderen sein Anderssein nicht verzeihen kannst, bist du noch weit ab vom Wege der Weisheit“ vertrauen. Schauen wir uns das „Anderssein“ im Bezug auf Konfliktbereitschaft aus unterschiedlichen Perspektiven mal an und vielleicht lernen wir uns ein wenig zu verzeihen.

Was sagt die Forschung?

Amerikanische Gehirnforscher haben rausgefunden, dass unsere Gehirne in der Tat unterschiedlich verdrahtet sind. Frauengehirne zeigen mehr Kontakt zwischen beiden Gehirnhälften und lassen sie empathischer und sozialemotionaler agieren. Männergehirne weisen mehr Verknüpfungen innerhalb der jeweiligen Gehirnhälfte auf und sorgen für eine bessere Koordination und räumliche Wahrnehmung. Woraus ein Klischee entstehen kann, dass Frauen mehr an Menschen als an Dingen interessiert sind. Evolutionär bedingt dürfte das auch mit den Aufgaben, die einst in der Gemeinschaft zu erledigen waren übereinstimmen…

Das Rollenverhalten hat sich im Laufe der Jahrhunderte verändert. Unsere Erwatungen gerade im beruflichen Umfeld sind völlig anders. Unser Gehirn hat es nur noch nicht gemerkt. Männliche Nachkommen erblicken die Welt immer noch mit einem höheren Testosteronspiegel im Organismus, der die Steigerung sexuellen Verlangens sowie generell den Antrieb,  Ausdauer sowie dominante und aggressive Verhaltensweisen fördert. Das weibliche Geschlecht produziert mehr Oxytocin , ein Hormon das allgemein soziale Interaktionen beeinflusst und mehr Mitgefühl verleiht. Das könnte eine mögliche Erklärung, sein, warum es Frauen oft im ersten Konfliktstadium um das „verstanden werden“ geht und nicht „nur um die Sache“ wie sich es Seitens der Männer oft darstellt. Laut Thomas Elbert, eines Konstanzer Neuropsychologen, haben Männer grundsätzlich mehr Spaß an Machtspielen. Elbert prägt den Begriff „appetitive Aggression“, was so viel heißt, wie Lust an der Tyrannei, die Frauen seiner Meinung nach nicht nachvollziehen können, da sie die Lust der Jagt nicht kennen. Eine umstrittene These. Jeder, der Frauen beim „Shoppen“ beobachtet, weiß, dass wir das jagen durchaus lieben. Doch schauen wir uns weiter die Fakten an. Das Streiten und Kämpfen scheinen in der Tat dem männlichen Geschlecht seit Jahrtausenden mehr im Blut zu liegen.  Es ist bekannt, dass die Prävalenz (die Anzahl der untersuchten Fälle) von antisozialer Persönlichkeitsstörung in der Allgemeinbevölkerung bei ca. 3 % beim Männern und ca. 1 % für Frauen vorliegt. Jungen tendieren eher zu externalisierenden Störungen und Symptomen wie aggressivem und delinquentem Verhalten (vielleicht erinnert sich der eine oder andere an seine Jugendzeit. Haben Sie auch mal Mercedes-Sterne geklaut?). Während Mädchen eher an internalisierenden Problemen und depressiv-ängstlichen Symptomen leiden. Männer zeigen darüber hinaus in allen Altersklassen physisch und verbal ein aggressiveres Verhalten als ihre weiblichen Artgenossen und begehen zu dem mehr Straftaten. Lebenslanges andauerndes antisoziales Verhalten wie Aggressivität tritt bei Männern ungefähr 10 bis 14 Mal häufiger auf als bei Frauen. Somit wäre es ein Leichtes, den Konfliktverursacher zu identifizieren. Das Testosteron sei schuld. So einfach ist es nicht.

Jeder von uns, egal ob Mann oder Frau, neigt in Konflikten zu einem bestimmten Verhalten. Unabhängig davon, dass Frauen auf Grund ihres Hormonhaushaltes eher in die defensive Haltung verfallen und die Produktion von Testosteron Männer vorwiegend aggressiver reagieren lässt. Doch wenn es so einfach wäre, würde sich die nächste Fragen nicht stellen: Warum gibt es dann Konflikte unter Gleichgeschlechtlichen?

Warum gibt es offensiv agierende Frauen und defensiv reagierende Männer?
Die Antwort auf das Konfliktverhalten über die Gehirnanatomie und den Hormonhaushalt reicht also nicht aus. Wir sind so viel mehr als unser Gehirn. Wir alle werden durch unsere Umwelt sozialisiert. Wir weisen bestimmte Erbanlagen auf, die sich oft im Charaktereigenschaften oder Motiven wieder spiegeln.

Was löst Konflikte eigentlich aus?
Im Grunde sind Konflikte nützlich und helfen uns eine Sache voranzutreiben. Neue Perspektiven zu gewinnen und unsere Horizonte zu erweitern. Konstruktiv können wir mit Konflikten umgehen, wenn wir eine gewisse Konfliktkompetenz entwickeln.
Sich selbst zu kennen und die eigenen Emotionen wie Wut und Trauer zu verstehen, stellt den ersten Schritt in diesem Prozess dar. Negative Emotionen lassen uns destruktives Verhalten an den Tag legen. Daher hilft es, sich der eigenen Emotion bewusst zu werden.

Was passiert mit mir, wenn in auf Krawall gebürstet bin?
Sobald wir die erste Konfliktstufe besteigen, sollten wir uns fragen, was macht mich unzufrieden, traurig, wütend? Was ist wirklich vorgefallen? Allgemein neigt der Mensch zur Überschätzung des eigenen positiven Anteils im Verhalten. Daniel Kahnemann beschreibt in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ einige Denkfallen, denen wir bei der Eigenbeurteilung unterlegen. Befragt man zum Beispiel Paare, wer von beiden prozentuell mehr in die Beziehung investiert, schätzen beide Seiten den eigenen Anteil auf 70 Prozent. Bei möglichen 100 Prozent. Wie kann das sein? Eine einfache Erklärung, die vielleicht auch Ihnen bekannt vorkommt, besagt, dass wir uns an die eigenen Taten einfach besser erinnern, als an die Dinge, die andere für uns tun. Ich weiß besser wie oft ich Überstunden gemacht habe oder in einem Projekt Meilensteine erreicht habe, als wie oft das bei den Kollegen und Kolleginnen der Fall sei. Würden wir uns die Mühe machen, mal die Perspektive zu wechseln, wäre das Ergebnis häufig objektiver und wir nicht so unzufrieden. Nur sind wir Menschen vorwiegend subjektiv in der Betrachtungsweise unserer Welt und sehr schnell in der Entwicklung einer Emotion. Hat sie uns erstmal im Griff, geht die Ereignisspirale fast von alleine los und am Ende kommt es sogar zu „Rosenkriegen“

Auch mangelnde Anerkennung kann in einem Kontext ein Konfliktzünder sein. Wir tun unserer Meinung sehr viel für das Unternehmen, die Abteilung, den Menschen den wir lieben und bekommen dafür kein „Danke“. Das macht uns nachweislich unzufrieden. Unterschwellig brodelt ein Konfliktpotenzial in uns, das nur auf den Auslöser wartet. Wer sagt schon, dass er sich Annerkennung wünscht? Wer fordert Lob? Nein, das machen wir nicht. Unser Gegenüber sollte schon selbst darauf kommen. Und wenn es das nicht tut, denken wir uns unseren Teil und sind dann beleidigt auf Grund der eigenen Gedanken. Werden kühl, unverbindlich, patzig oder gar total ablehnend. So schaffen wir es, uns in eine zweite Konfliktstufe hoch zu schaukeln. In der es dann ums Gewinnen oder Besiegen geht. Merkt das Objekt unsere Unzufriedenheit immer noch nicht, dass es sich absolut unmöglich verhält, verfallen wir gerne in ein aggressives Verhalten. Männer werden möglicherweise laut, grob und körperlich, um ihre Interessen durchzusetzen. Frauen regeln ihre Aggressionen eher subtiler. Sie agieren mehr auf der Beziehungsebene. Etwa durch Intrigen, das Verbreiten von Gerüchten oder das gezielte ignorieren der unliebsamer Personen. Dabei wäre ein wenig Mut das perfekte Rezept, um es gar nicht erst so weit kommen zu lassen. Reden hilft. Die Angst vor der Ablehnung und einer negativen Antwort lässt uns jedoch die Worte oft nicht finden und die berühmte Ausweichmethode gewinnt. Wir verschenken durch dieses Verhalten die reinigende Kraft eines Konfliktes.
Ja, den Mut zu haben, seine Bedenken zu äußern, verlangt einmalig Kraft. Nicht immer erhalten wir die Antworten, die wir uns wünschen. Das Risiko ist immer inbegriffen. Doch wir kennen die Perspektive des anderen und sind in der Lage, mit der Situation angemessen umzugehen.

Tipp für die Praxis
Überprüfen sie Ihr Konfliktverhalten in dem sie eine kleine Selbstanalyse durchführen.
– Ich bin eher offensiv, also sofort mit den Argumenten und Rechtfertigungen dabei
– Ich rede schneller und lasse mein Gegenüber nicht zu Wort kommen
– Ich neige zur Aggressivität und zeige diese durch eine dominante Körpersprache.
Wenn Sie sich in diesen Aussagen vorwiegend wieder finden. Trainieren Sie das Durchatmen und Zurücklehnen in emotionalen Situationen. Haben Sie das Gefühl, dass Sie angegriffen werden, fragen Sie sich: welche Emotion oder Tatsache lässt Sie so reagieren. Äußern Sie Ihre Beobachtung in einer „Ich- Botschaft“ statt Vorwürfe zu machen. Versuchen Sie Ihrer Körpersprache ein wenig Entspanntheit zu verleihen. Statt sich zum Beispiel nach vorne mit angespannten Nacken zu beugen, lehnen Sie sich zurück. Machen Sie Pausen, während Sie sprechen. Denken Sie über Ihre Wortwahl nach und kommunizieren Sie, dass Sie zum Beispiel über das Gesagte nachdenken. Mit einem offensiven Konfliktverhalten gewinnen Sie vielleicht eine Schlacht aber nicht den Krieg. Sie schaffen sich Feinde, wo Sie vielleicht Kooperationspartner brauchen könnten.
Hier weitere Aussagen:
– Ich bin eher defensiv, also fast sprachlos oder nach innen gekehrt
– Meine Stimme wird leiser und ich versuche aus der Situation zu flüchten
– Ich vermeide den Blickkontakt und versinke förmlich in meinem Stuhl
Stimmen Sie den Aussagen eher zu? Trainieren Sie den Konflikt auf gleicher Augenhöhe zu lösen. Zwingen Sie sich dazu wenn nötig, Ihren Rücken gerade zu halten und die Schultern nicht zu den Ohren zu ziehen. Verschränken Sie Ihre Arme nicht und machen Sie sich nicht klein. Stellen Sie sich vor, Sie werden von einem Haken gerade in die Höhe gezogen. Achten Sie bewusst auf die Tonlage. Sprechen Sie langsam und deutlich. Durch ein defensives Konfliktverhalten verschenken Sie die Wirkung Ihrer Argumente. Sie rutschen unbewusst in den „Tiefstatus“ und büßen Glaubwürdigkeit und Kompetenz ein.
Beide Verhaltensweisen sind bei einer Konfliktbewältigung nicht konstruktiv.
Implementieren Sie eine Streitkultur, die auf „Feedbackregeln“, „Ich-Botschaften“ und Vertrauen basiert. In einem Solchem Umfeld sind Konflikte Gold wert und für das Unternehmen unbezahlbar. Ganz unabhängig von dem Mann-und-Frau-Thema tut es der Produktivität Ihres Unternehmens und der Qualität Ihrer Beziehungen gut Konfliktkompetenz zu entwickeln.
Ich wünsche Ihnen ganz viel Erfolg und viele Aha-Erlebnisse auf diesem Weg. Ganz nach Paul Watzlawick „Wenn Du immer wieder das tust, was Du immer schon getan hast, dann wirst Du immer wieder das bekommen, was Du immer schon bekommen hast.
Wenn Du etwas anderes haben willst, musst Du etwas anderes tun!“

Was ist wohl möglich, wenn wir unsere Konfliktverhaltensmuster durchbrechen.

Literatur:
Hans-Ludwig Kröber : Handbuch der forensischen Psychiatrie. Psychopathologische Grundlagen und Praxis der forensischen Psychiatrie im Strafrecht. .
David G. Myers: Psychologie.
Claus Buddeberg : Psychosoziale Medizin

Susan Pinker: Das Geschlechterparadox
Daniel Kahnemann : Schnelles Denken, langsames Denken
Evelyn Heinemann, Hans Hopf: Psychische Störungen in Kindheit und Jugend. Symptome, Psychodynamik, Fallbeispiele, psychoanalytische Therapie.

Bundeskriminalamt. Polizeiliche Kriminalstatistik.

Ihre Isabella Herzig