Das Gemälde "Finger Pointing"

Roy Lichtenstein, „Finger Pointing“

Kunst und Körpersprache

Lisa Schmitz am 11.11.2018 bei unserer Führung

„Man zeigt nicht mit dem nackten Finger auf angezogenen Leute“

Eins der bedeutendsten Exponate der Kunstausstellung „DIE GESTE“ in der Ludwiggalerie in Oberhausen ist das Bild von Roy Lichtenstein, „Finger Pointing“

Bei unserer Führung durch das Museum prüften wir die Wirkung dieser Geste auf den Betrachter…

Die Teilnehmer zeigten mit dem erhobenen Zeigefinger auf eine ausgesuchte Person. Wie konnte es anders sein, der „Angezeigte“ fühlte sich sehr unbehaglich bei diesem Akt. In der Tat nutzen wir diesen Finger in unserem Kulturkreis oft, um zu drohen oder um zu befehlen.

Es bestätigt sich also die alte Weisheit: „zeige nicht mit einem nackten Finger auf angezogenen Leute“. Eltern prägen es schon früh ihren Sprösslingen ein, dieses sein zu lassen.

Mir persönlich fiel das Verhalten noch vor wenigen Tagen bei einer sehr lieben Freundin auf, die die Wichtigkeit des Gesagten immer mit dem erhobenen Finger in meinem Gesicht zu unterstreichen versuchte.

Ich konnte mich nicht zügeln und bat sie den Daumen mit dem Zeigefinger  zu berühren.  So lässt sich elegant die Bedrohung kontern.  Wir haben dann beide sehr gelacht, als die gefühlte Bedrohung für mich nachließ und ich endlich die Relevanz des Gesagten anerkennen konnte.

Eine zweite Möglichkeit des Ausweichens, falls Sie mal merken, dass der Finger bereits aktiv bedroht: Drehen Sie die gesamte Hand mit der Handinnenfläche nach oben. Sich selbst beim Reden zu beobachten, hilft manchmal Missverständnisse zu vermeiden.

Der Zeigefinger als Alleskönner

Einfache Zeigegeste

„Durch das Zeigen auf Objekte unterstützen wir das visuelle Verstehen“

Diese Geste, die den Teilnehmern der Führung und mir noch ein zweites Mal bei dem Bild von Volker Stelzmann „Gehäuse“ begegnete, dient mit weniger Körperspannung ausgeführt als eine einfache ZEIGEGESTE.

In vielen Kontexten des Alltags ist sie nicht wegzudenken. Und das ist gut so. Durch das Zeigen auf Objekte unterstützen wir das visuelle Verstehen des Gegenübers.

Gewöhnen Sie sich bitte daher sogar an, beim Erklären Ihre Hände zu Hilfe zu nehmen, wenn Sie Jemanden sagen, dass er an dem „Baum“ links abbiegen muss, um die gesuchte Straße zu finden . Oder um im Restaurant etwas zu Bestellen 😉

Volker Stelzmann – Gehäuse

Betrachten wir das Bild „Gehäuse“ genauer, sehen wir dass der Finger auf die eigene Brust des Protagonisten zeigt.

Eine Bedeutung die wieder in unserem Kulturkreis sehr klar ist. Zeigt der Zeigefinger auf meine Brust , mein Herz, meine ich MICH in dem Fall selbst. In Japan zum Beispiel wird der Zeige – und Mittelfinger auf die Nasenspitze gelegt und das „Ich“ zu signalisieren.

Bitte nie vergessen, Körpersprache ist nicht individuell und kann daher auch missverstanden werden. Dies gilt nicht für die Mimik.

Der Zeigefinger als Schlüssel für die Sprachentwicklung! Ein Exkurs in die Anthropologie

Einen weiteren wichtigen Aspekt der Zeigegeste hat Michael Tomasello, Kodirektor des Leipziger Max-Plank-Institutes für evolutionäre Anthropologie in seinem Buch „Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens: Zur Evolution der Kognition“ ausgearbeitet. Seiner Meinung nach, hängt diese Geste sehr eng mit der Entstehung der Sprache zusammen. Durch das Zeigen auf etwas entwickeln wir den Spracherwerb. Diese These unterstütze auch Susan Goldin-Meadow, die herausfand, dass um so mehr ein einjähriges Kind mit den Finger auf Gegenstände zeigt, desto  mehr Vokabel stehen ihm (passiv) im Alter  von 3,5 Jahren zur Verfügung.

Mutter Natur hat sich also wieder mal etwas dabei gedacht, als sie den Zeigefinger mit dem Sprachzentrum verband ,-))

Die Ausstellung können Sie noch bis zum 13.01.2019 besuchen und die Wirkung der Gesten selbst erfahren.

Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier:

www.ludwiggalerie.de

Über Handgesten schreibe ich im nächsten Blog Artikel an Hand der Zwerg-Skulpturen von Ottmar Hörl.

Bleiben Sie neugierig!